Die Schweizer Politik rühmt sich gerne dafür, pragmatisch und bürgernah zu handeln. Doch bei der Altersvorsorge zeigt sich seit Jahren ein anderes Bild: Verpasste Reformen, ein Flickwerk in der AHV und ein Bundesrat, der sich hinter Jahrzehnte alten Gesetzen versteckt. Das jüngste Beispiel: Die Motion von Nationalrat Andri Silberschmidt, die Eltern erlauben will, steuerlich begünstigte Säule-3a-Beiträge auch für ihre Kinder einzuzahlen.
Was auf den ersten Blick simpel und bestechend logisch wirkt, wird in Bern abgewürgt. Der Bundesrat erklärt, dafür müsse nicht nur das BVG, sondern gar die Bundesverfassung angepasst werden. Mit anderen Worten: Eine kreative Idee für die Zukunft der Altersvorsorge wird erstickt, bevor sie überhaupt diskutiert werden kann.
Die Realität des Sparens
Die heutigen Rahmenbedingungen sind ernüchternd:
- Sparkonten werfen im Schnitt kaum 0,35 % Zins ab, bei Kindersparkonten oft noch deutlich weniger.
- Über die letzten zehn Jahre lag die Inflation fast durchgehend höher als diese Zinsen – real verlieren Sparer Geld.
Könnten die Eltern ab Geburt in die Säule 3a ihres Kindes einzahlen, käme ein ansehnliches Startkapital zusammen. Ein Rechenbeispiel: Wer monatlich 100 Franken während 18 Jahren spart, bringt es auf 21’600 Franken. In einer Säule-3a-Lösung mit 3 % Rendite wären es rund 28’600 Franken, bei 5 % gar 35’000 Franken. Zahlt das Kind danach bis zum 65. Geburtstag weiterhin 100 Franken pro Monat in die Säule 3a ein, wächst das Guthaben auf rund 590'000 Franken an. Beginnt die Person jedoch erst mit 18 Jahren, monatlich 100 Franken einzuzahlen, resultiert mit 65 Jahren lediglich ein Guthaben von 226'000 Franken – eine Differenz von 365'000 Franken, die alleine durch den Zinseszins sowie durch die Einzahlungen von 0 bis 18 Jahren zustande kommen. Das Beispiel zeigt, wie wichtig der Zugang zu zeitgemässen Vorsorgeinstrumenten auch für Kinder wäre.
Ein Beispiel
Dieses Geld wäre für die Altersvorsorge zweckgebunden und könnte weder von den Eltern noch von den Kindern einfach so konsumiert werden. Gleichzeitig würden die Eltern von Steuererleichterungen profitieren. Um die Steuerausfälle auf ein verkraftbares Niveau zu beschränken, wäre beispielsweise ein jährliches Maximum von 1'200 Franken pro Kind denkbar.
Stillstand bei zentralen Reformen
Die Antwort des Bundesrates erinnert an ein Muster, das wir aus der Vergangenheit kennen: Reformbedarf wird zwar anerkannt, konkrete Schritte werden jedoch blockiert oder aufgeschoben. Schon bei der beruflichen Vorsorge (BVG) hat die Politik jahrzehntelang gezögert – seit 1985 gab es nur eine einzige umfassende Revision, und zwar im Jahr 2005. Seit 20 Jahren wurden alle weiteren Reformvorschläge spätestens bei einer Volksabstimmung abgelehnt.
Gleichzeitig werden milliardenschwere Massnahmen zur Stabilisierung der AHV beschlossen. Es ist von zentraler Bedeutung, dass alle Sozialversicherungen stetig weiterentwickelt und den aktuellen Lebensumständen angepasst werden. Mit dem Reformstau in der zweiten Säule verstärkt sich allerdings das Ungleichgewicht zwischen den Generationen, was sich für die Zukunft als fatal herausstellen könnte.
Wer trägt die Last?
Seit Langem ist bekannt, dass die demografische Entwicklung steigende Defizite und höhere Beiträge nach sich zieht. Tragfähige Lösungen, die auch für Jüngere attraktiv sind, werden aber nur zögerlich angegangen. Stattdessen diskutiert die Politik ernsthaft über eine höhere Besteuerung von Kapitalbezügen aus der dritten Säule – ein Schritt, der das Vertrauen der jüngeren Generation in die private Vorsorge zusätzlich schwächen würde. Bereits jetzt zweifeln knapp zwei Drittel der Bevölkerung dran, mit der AHV- und Pensionskassenrente nach der Pensionierung den gewohnten Lebensstandard halten zu können. Das zeigt die Studie «VorsorgeDIALOG 2025» der Hochschule Luzern (HSLU).
Die Motion Silberschmidt hätte zudem einen positiven Beitrag zum Vorsorgewissen leisten können. Gemäss der HSLU-Studie verfügt nur ein Bruchteil der Bevölkerung über fundierte Kenntnisse, was smarte Vorsorgeentscheidungen verunmöglicht. Hätte eine 18-jährige Person jedoch bereits ein 3a-Kapital von mehreren zehntausend Franken und könnte sie nachvollziehen, wie es über die Jahre angewachsen ist, bestünde das Potenzial, dass sie sich vertiefter mit der Thematik auseinandersetzt – und damit die Grundlage für bedachte Vorsorgeentscheidungen trifft.
Ein Signal für die Zukunft
Die Motion Silberschmidt hätte eine Gelegenheit geboten, das Vertrauen junger Familien in die Altersvorsorge zu stärken und den politischen Willen zur Erneuerung zu unterstreichen. Stattdessen bleibt der Eindruck, dass Besitzstandswahrung wichtiger ist als die Interessen der kommenden Generation.
Wer die Altersvorsorge langfristig sichern will, muss den Blick nach vorne richten – nicht nach hinten. Es geht darum, faire Bedingungen zu schaffen, die sowohl den heutigen Rentnerinnen und Rentnern als auch den künftigen Generationen gerecht werden. Genau daran wird die Politik gemessen.