Vorsorge bedeutet für viele Menschen heute mehr als Sparen für die Pension. Der Wunsch nach Selbstbestimmung, Flexibilität und individueller Lebensgestaltung ist gross. Doch das Schweizer Vorsorgesystem ist nach wie vor stark auf das klassische Modell der Altersvorsorge fokussiert. Eine exklusive Studie des Forschungsinstituts Sotomo im Auftrag von PensExpert zeigt, wie stark die Realität der Menschen mittlerweile von dieser Systemlogik abweicht.
Die repräsentative Befragung offenbart ein vielschichtiges Bild des Vorsorgeverständnisses. Mehr als 70 Prozent der Befragten verbinden mit Vorsorge nicht nur die finanzielle Absicherung für das Alter, sondern auch Möglichkeiten zur Absicherung künftiger Lebensphasen.
Darunter fallen etwa Weiterbildungen, Elternzeit, Pflege von Angehörigen, eine vorzeitige Pensionierung oder ein Sabbatical. Diese differenzierte Sichtweise zieht sich durch alle Altersgruppen, wobei insbesondere jüngere Menschen den Wunsch nach flexiblen Lösungen äussern.
Die klassische Dreiteilung des Lebens – Ausbildung, Erwerbsleben, Ruhestand – ist nicht mehr zeitgemäss. Immer mehr Menschen wollen während ihres Erwerbslebens Pausen einlegen, sich weiterbilden oder sich temporär um Familienangehörige kümmern. Das aktuelle Vorsorgesystem bietet dafür kaum Möglichkeiten. Neue Lösungen sind gefragt.
Das Zeitwertkonto: eine Lösung aus Deutschland
Ein Konzept stösst bei den Befragten auf besonders breite Zustimmung: das Zeitwertkonto. Die Idee ist einfach: Arbeitnehmende können Teile ihres Lohns, Überstunden oder nicht bezogene Ferientage in ein Zeitwertkonto einbringen. Dieses angesparte Guthaben kann später genutzt werden, um eine Auszeit zu finanzieren.
In Deutschland ist dieses Modell bereits etabliert. In der Schweiz hingegen ist es noch kaum bekannt. Nur rund ein Viertel der Befragten hatte vor der Studie davon gehört. Doch nach einer kurzen Erläuterung bewerteten rund 76 Prozent der Befragten das Konzept als eher positiv oder sehr positiv. Besonders gross ist die Zustimmung bei den 18- bis 35-Jährigen.
Vorsorge muss heute mehr bieten als Absicherung fürs Alter – sie muss das Leben begleiten.
Michael Hermann gehört zu den führenden Meinungsforschern und Politikanalysten der Schweiz. Mit seinem Forschungsinstitut Sotomo vermisst er die Schweizer Politik und untersucht den Wandel der Einstellungen der Schweizer Bevölkerung.
Von Sabbatical bis Elternzeit: vielfältige Wünsche
Die bevorzugten Nutzungszwecke sind so vielfältig wie die Lebensentwürfe der Befragten: Mehr als 40 Prozent der jungen Erwachsenen würden ein Zeitwertkonto für ein Sabbatical nutzen, ebenso viele für Elternzeit oder für eine Weiterbildung. In der Altersgruppe 50+ sehen viele das Zeitwertkonto als Chance, das Erwerbsleben flexibel ausklingen zu lassen.
Gleichzeitig verändern sich die Realitäten der Arbeitswelt – nicht zuletzt wegen des Bedeutungsgewinns künstlicher Intelligenz und hybrider Arbeit. Bereits heute kann sich jede zweite erwerbstätige Person vorstellen, neben einer Festanstellung auch selbstständig zu arbeiten. Bei den unter 36-Jährigen sind es sogar zwei von drei Personen.
Das Zeitwertkonto kann helfen, Experimente in der Selbstständigkeit finanziell abzusichern. Viele der Befragten fordern zudem eine Anpassung der zweiten Säule: 72 Prozent befürworten, dass Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit in der gleichen Pensionskasse angespart werden kann wie jenes aus unselbstständiger Erwerbstätigkeit. Das ist aktuell nicht möglich.
«Die Erkenntnis ist eindeutig: Ein modernes Vorsorgesystem muss der zunehmenden Individualisierung und den unterschiedlichen Lebensrealitäten Rechnung tragen. Das Zeitwertkonto bietet dafür eine pragmatische Lösung, die auf Eigenverantwortung basiert, gleichzeitig aber auch soziale Sicherheit schafft», erklärt Michael Hermann, Geschäftsführer von Sotomo.
Zugleich zeigt die Studie, dass Vertrauen in die Vorsorgeinstitutionen – insbesondere in die zweite Säule – in der Bevölkerung nicht selbstverständlich ist. Viele empfinden das System als intransparent, starr und unflexibel. Die Bereitschaft für Veränderung ist da, aber die Politik reagiert bislang nur zögerlich. Umso wichtiger ist es, dass innovative Modelle wie das Zeitwertkonto bekannter werden und in den politischen Diskurs einfliessen.